Waterfront Ostende – 2016 und 1936

„Stefan Zweig sitzt im dritten Stock eines weißen Hauses am breiten Boulevard von Ostende in einer Loggia. Er schaut aufs Meer. Davon hat er immer geträumt, von diesem großen Blick in den Sommer, in die Leere, schreibend und schauend. Ein Stockwerk über ihm wohnt seine Sekretärin Lotte Altmann, die seit zwei Jahren auch seine Geliebte ist, sie wird gleich herunterkommen und die Schreibmaschine mitbringen, er wird ihr seine Legende diktieren, dabei immer wieder zurückkehren zu der einen Stelle, an der es stockt, an der er nicht weiterweiß.“

Wer auch mal vorhat, ein paar Tage in der belgischen Küstenstadt zu verbringen, dem sei als Vorbereitung oder Begleitung wärmstens das Buch „Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft “ von Volker Weidermann empfohlen, aus dem obiges Zitat stammt.

Ostende – Sommer der Freundschaft:
https://www.amazon.de/dp/B00GZCU5AW/

Ein seltsam gespanntes Zusammentreffen deutschsprachiger Literaten jener Zeit. Ihnen gemeinsam ist, dass ihre Bücher in Deutschland mittlerweile verboten sind, und sie selber tun besser daran, deutschen Boden nicht mehr zu betreten. „Demokratische Reinigung“ oder so ähnlich nannte sich das damals wohl, was da seinerzeit in Deutschland geschah. Zweig, Roth, Toller, Koestler und Kesten – ganz unterschiedliche, jedoch vom gleichen Schicksal betroffene Schriftsteller treffen sich im Sommer 1936 in Ostende ein letztes Mal, bevor sich ihre Wege für immer trennen. Stefan Zweig etwa emigriert nach Brasilien, wo er zwar ein gefeierter Star ist, doch als Kosmopolit, Humanist und Pazifist (neudeutsch: linksgrün versiffter Multikulti-Gutmensch) zerbricht er letztlich an dem Irrsinn, der zeitgleich in Europa vor sich geht – und begeht 1942 Selbstmord.

1936 sah die Waterfront von Ostende übrigens noch völlig anders aus als heute. Der Irrsinn der identitären Reichsanhänger hat dafür gesorgt, dass von den alten Steinen keiner mehr auf dem anderen blieb. Als „gesichtslos“ wird die moderne Front gerne bezeichnet. Aber wir müssen nicht ständig auf der Schönheit des Jugendstils gegenüber der meist auch monetär bedingten Sachlichkeit der Nachkriegsarchitektur herumreiten. Die moderne Waterfront von Ostende hat durchaus Wiedererkennungswert. Und an so einem Sommerwochenende entwickelt der immer noch breite Strandboulevard durchaus sein eigenes Flair.

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